Kunstflug ...was beflügelt uns mehr?


von Jürgen Leukefeld

Wie keine andere Erfindung eines technischen Gegenstandes in der Geschichte der Menschheit, hat das Flugzeug Kreativität, Mut, und Phantasie der Menschen beflügelt. Nach endlos scheinender Ohnmacht gegenüber den Gesetzen der Schwerkraft und dilettantischen Versuchen, den Vögeln ihr Privileg streitig zu machen, gelangen zu Beginn dieses Jahrhunderts die ersten sicheren Flüge mit Flugmaschinen der abenteuerlichsten Couleur. Die waghalsigen Kerle und die, die sich mit ihnen in die Luft erhoben galten als Draufgänger und Hasardeure. Kaum war die Unsicherheit gewichen, ob man sich überhaupt vom Boden lösen könne, da begannen schon die Kämpfe. Zum einen der Flugmaschine den eigenen Willen aufzuzwingen, sie in engen Kurven einen vorbestimmten Weg zu führen, zum anderen es immer toller zu treiben als die anderen, denen am Sonntag vor den Toren der Stadt, auf den Fliegwiesen, die Bevölkerung zujubelte, denn jeder, jeder wollte der gefeierte Held sein. Die Potenz in dieser Erfindung zeigte sich schon bald, und wieder galt es, ein unerschrockener Held zu sein. Im Krieg überlebte wer am engsten kurven, sich gekonnt tänzerisch hinter dem Feind in Schußposition plazieren konnte. Nach Kriegsende gegannen die ersten Luftpostlinien mit ihren teilweise abenteuerlichen Flügen und demonstrierten das friedliche Potential der Fliegerei ebenso wie die fast zeitgleich aufkeimenden Pasagierfluglinien. Die Fliegerei wurde zum Alltag, zur Selbstverständlichkeit.

Aber noch immer zog es tausende hinaus vor die Tore der Städte, wenn es hieß: Flugschau, Luftakrobatik, Kunstflug. In den dreißiger Jahren galt es, die Punktrichter und Zuschauer durch waghalsige Manöver, häufig auch in Bodennähe, zu beeindrucken. Nicht selten, daß ein Pilot beim Training am Samstag mit dem Fluggerät am Boden zerschellt, und tags darauf mit Kopfverband wieder flog. - Diese Zeiten sind lange vorbei, gottseidank. - Schon bald merkte man, daß mit Träumerei, Waghalsigkeit und Unbekümmertheit nicht zu überleben war. Gefragt waren ebenso: Technisches Verständnis für aerodynamische Vorgänge, Wissen über Flugmechanik, Beherrschung des Fluggerätes in jeder erdenklichen Situation und Disziplin - Selbstdisziplin. Im Flug ist jeder Pilot allein verantwortlich. Er hat es in der Hand, er ganz allein, die Belastungen für sich und die Maschine abzuwägen und einzustellen. Er denkt voraus über Energiegehalt, Sicherheitsmindestflughöhe, Raumaufteilung und Windeinflüsse. Der Pilot im Wettbewerb fliegt nicht mehr für sich, er fliegt für die Wertungsrichter.

In den fünfziger Jahren wandelte sich der Wettbewerbskunstflug vom reinen Hasardeurentum zu einer technischen Disziplin mit festen Regeln die weltweit Gültigkeit besitzen. So sind Ergebnisse die auf Wettbewerben unter dem Dach der FAI (Federation Aeronautique International), unter dem Regelwerk der CIVA (Commision International Voltige Aerienne) erflogen werden, untereinander vergleichbar. Eine prägnante Symbolsprache, das Aerokryptografische System nach J. Aresti, einem kunstflugbegeisterten spanischen Grafen, ermöglicht es, Programme schneller zu lesen als einen Zeitungsartikel zu überfliegen. Er hat es verstanden die Bewegungen des Flugzeuges in Grundfiguren und zusätzliche Flugmanöver zu zerlegen. So ergibt sich aus den Grundfiguren Linie, Winkel, Looping und Kurve zusammen mit allen erdenklichen Arten von Manövern, den Rotationsbewegungen, eine schier unerschöpfliche Gestaltungsfreiheit bei der Erfindung immer neuer Kunstflugfiguren, und, diese aneinandergereiht, von Kunstflugprogrammen. Jede Grundfigur, jedes Manöver hat einen Schwierigkeitsgrad (K-Faktor). So wird die Leistung greifbar, die Kunst meßbar.

Seit 1960 werden nach einem festen Regularium Weltmeisterschaften ausgetragen. Die Kontinentalen und Nationalen Meisterschaften haben sich diesem angeschlossen. Alle Flugvorführungen werden in einem vorgeschriebenen Kunstflugraum, der Box, vorgetragen. Diese erhebt sich als Quader über einem Quadrat der Kantenlänge 1000 Meter bis in eine Höhe von maximal 1100 Metern. Nach unten ist sie durch die für den jeweiligen Wettbewerb vorgeschriebene Mindestflughöhe begrenzt. Das Wettbewerbsprogramm sieht vor, daß nach einer Zeit der Trainingsflüge zunächst ein Qualifikationsprogramm geflogen wird. Dieses ist mit der Ausschreibung zum Wettbewerb veröffentlicht worden und für alle Teilnehmer gleich. Die Teilnehmer müssen es mit mindestens 65 Prozent der erreichbaren Punktzahl absolvieren, um am weiteren Wettbewerb teilnehmen zu dürfen. Unterschiedliche Bewertungskriterien oder Programmvorgaben für Frauen und Männer gibt es nicht. Wer also qualifiziert ist, darf sich auf das freie Programm, die Kür vorbereiten. Innerhalb fester Rahmenvorgaben für Anzahl von Figuren, Vielfältigkeit und Gesamtschwierigkeitsgrad hat sich jeder Teilnehmer ganz nach seinen Neigungen und den Eigenschaften seines Flugzeuges ein Programm zusammengestellt und trainiert, das er vortragen wird. Wieder müssen alle "in die Box", die Reihenfolge wird aus den Erge bnissen der Qualifikation bestimmt. Die hohe Schule des Kunstfluges jedoch folgt erst nach der Kür. Aus Figuren die während des Wettbewerbes von den vertretenen Teams vorgeschlagen wurden, wird ein Programm zusammengestellt, die Unbekannte Pflicht. Sie berücksichtigt in ihrer Gesamtheit niemandes Neigungen oder Flug-eigenschaften, sie darf nicht im Flug trainiert werden, sie wird "vom Blatt" geflogen. Nur in Gedanken, in einer Phase mentaler Vorbereitung mit höchster Konzentration kann der Pilot die Sequenz durchgehen und sich alle erforderlichen Steuerbewegungen einprägen. Wie Traumtänzer irren sie dann auf dem Flugfeld herum, rudern mit den Armen in der Luft, blicken bald über die eine, bald über die andere Schulter um imaginäre Bezugspunkte anzuvisieren, tänzeln vor und zurück. Handflying the sequenz nennt man das, mit den Händen fliegen.

Und nur wer auch bei der Flugvorführung in der Lage ist, sich 100-prozentig zu konzentrieren der fliegt das Programm fehlerfrei, bekommt keine Null für eine falsch geflogene oder gar ausgelassene Figur. - Der Kunstflug verzeiht keine Fehler - unerbittlich und voneinander unabhängig entscheiden die zehn Wertungsrichter, die Judges, über die Güte jeder einzelnen Figur und belegen sie mit einer Note, dem Score, von Null bis Zehn. Wird nur eine lächerliche Vierteldrehung in der Vertikalen ausgelassen oder in der falschen Richtung durchgeführt, und merkt der Pilot dies nicht, kann es dazu führen, daß alle nachfolgenden Figuren mit dieser schrecklichen Null bewertet werden. Maximal dreimal wird in einem Wettbewerb eine solche Unbekannte geflogen, jedesmal eine neue und wieder kommen nur die Besten weiter, bis am Ende der Sieger feststeht. Nach zehn Tagen ist der gemäß den Rules and Regulations for the Conduct of international Aerobatic Events, der Durchführungsverordnung für Internationale Kunstflugwettbewerbe ausgetragene Wettbewerb zu Ende. Es gibt neue Titelträger und erst hier nehmen auch die Kunstflieger wieder vom durchaus unterschiedlichen Geschlecht der Teilnehmer Kenntnis. Es werden die nach gleichen Kriterien geforderten und bewerteten besten Frauen und Männer geehrt. Trotz aller physischer und psychischer Belastung haben sie es genossen, sich um den eigenen Bauchnabel zu drehen und zu wenden und sich zu überschlagen, ohne irgendwo mit dem Kopf anzuschlagen (Zitat).